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Stärken stärken

Veröffentlicht am 20.02.2019

Auf der Anreise zur Verleihung des E-Learning Awards im Rahmen der Messe didacta in Köln, komme ich im Zugabteil mit einer Mitreisenden ins Gespräch. Sie findet das Thema Gesprächskultur sehr interessant und fragt nach, wie es dazu gekommen sei, dass sich ein Unternehmen damit beschäftigt. Ich erzähle ihr also von dem Wunsch der Geschäftsführung, mehr Potenziale in den eigenen Reihen aufzuspüren und den Fokus mehr auf Stärken als auf Schwächen zu legen. Die Erfahrung zeigt, dass das gar nicht so einfach ist, weil es uns vertrauter ist, etwaige Schwächen zu korrigieren. 

Meine Sitznachbarin hört interessiert zu und beginnt dann von ihrem Beruf als Sozialarbeiterin für geistig behinderte Menschen zu erzählen. Dort wäre es geradezu fatal, nur einen schwächen-orientierten Ansatz zu verfolgen, denn die Frustrationstoleranz ihrer Klientel sei schon sehr strapaziert. Den Betroffenen wird von ihrer Umwelt und auch von der eigenen Familie ständig gespiegelt, was sie alles nicht können. Meine Mitreisende versteht einen Teil ihrer Arbeit so, dass sie als Externe einen Blick auf den Menschen und nicht nur auf seine Behinderung richten muss. 

Durch einen Zufall entdeckte sie bei einem Hausbesuch etwas achtlos gestapelte Aquarelle. Da sie sich sehr für Malerei interessiert, bat sie darum, sich die Zeichnungen ansehen zu dürfen. Sie fand sie sowohl technisch gut gemacht als auch künstlerisch ansprechend und so fragte sie nach, wer denn der Künstler sei. Es stellte sich heraus, dass es der behinderte erwachsene Sohn, ihr Klient, war. Da sie schon Erfahrung im Organisieren von Ausstellungen hatte, fragte sie ihn, ob er denn seine Bilder ausstellen und eventuell sogar verkaufen würde. Er stimmte sofort zu und war vollkommen erstaunt, als er bei der Vernissage seine Bilder zum ersten Mal in Rahmen an der Wand hängen sah. Zum ersten Mal spürte er, was es bedeutet eine Stärke, ein Talent zu haben und auch seine Familie war glücklich, auf ihn stolz sein zu können. Sein Talent wurde von da an gefördert und er hatte ein eigenes kleines Einkommen durch den Verkauf seiner Bilder.

Manchmal braucht es die Hilfe eines Zufalls oder aber das echte Interesse eines anderen, der mit offenen Augen durch die Welt geht, um Stärken zu entdecken. Versuchen Sie es doch selbst einmal, ein solcher "Anderer" zu sein!

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